Ein Rechercheprojekt zum NSU von Tuğsal Moğul

Zehn Tote in elf Jahren – neun Menschen mit griechischer, türkischer und kurdischer Herkunft – das ist die traurige Bilanz des NSU. Jahrelang wurde den Opfern mit Migrationshintergrund eine Verwicklung in die Machenschaften der organisierten Kriminalität unterstellt – gleichzeitig schlossen die Beamten einen rechtsextremen Hintergrund der Taten aus.

Die Verbrechen des NSU enden im Jahr 2011: Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos werden tot in einem ausgebrannten Wohnmobil aufgefunden, vier Tage später stellt sich Beate Zschäpe der Polizei. 

Der größte politische Strafprozess nach der Wiedervereinigung bemühte sich um Aufklärung. Nach fünf Jahren und insgesamt 438 Verhandlungstagen, bei denen mehr als 700 Zeugen gehört wurden, wurde das Urteil verkündet. Doch die Fragen bleibt:

Welche Rolle spielt der Staat in diesem Verbrechenskomplex? 

Es ist ein deutsches Verbrechen, dessen lückenlose Aufklärung kaum möglich scheint. Es ist neue deutsche Zeitgeschichte! Was wäre gewesen, wenn die Opfer deutsche Namen gehabt hätten und die Täter nichtdeutsche? 

Tuğsal Moğul versammelt nach intensiver 9-monatiger Recherche reine Fakten und Aussagen, Polizeimeldungen und Politikerstatements zu der NSU-Mordserie im Besonderen und zu rechter Gewalt im Allgemeinen. Aber in dieser Konzentration entwickelt das Bekannte eine extreme Wirkung. Es lässt sich nicht mehr Verdrängen und Verharmlosen. Moğul und sein Ensemble, das mal CSI und mal Märchenstunde spielt, müssen das Publikum gar nicht beschimpfen. Die Ereignisse, die sie referieren, sprechen für sich und sind immer auch mit einer Frage an uns alle verbunden. Wie konnte es soweit kommen und welchen Anteil hat jeder einzelne daran?

Dieser Abend, der mit den unterschiedlichsten Mitteln arbeitet, der mal klassisches Dokumentar-Theater und mal bitterböse Satire ist, der die Morde der Terrorgruppe rekonstruiert und zugleich eine Prognose über den Ausgang des Prozesses wagt, verwandelt sich in ein theatrales Totengebet. Viel zu schnell sind die vielen Opfer rechtsradikaler Gewalt aus den Nachrichten und den Erinnerungen der Öffentlichkeit verschwunden. So ist es nun an uns, ihrer noch einmal zu gedenken.

Aufführungsrechte beim Rowohlt Theater Verlag, Hamburg

Das Stück AUCH DEUTSCHE UNTER DEN OPFERN. Ein Rechercheprojekt zum NSU von Tuğsal Moğul ist als E-Book erschienen. Mehr dazu hier.